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Armut - Perspektiven in Kunst und Gesellschaft

10. April - 31. Juli 2011

Martin Schaffner: Die hl. Elisabeth von Thüringen, zw. 1524 und 1535
Martin Schaffner: Die hl. Elisabeth von Thüringen, zw. 1524 und 1535

Rund 160 Exponate vom Mittelalter über die Zeit des Barock bis hin zur Gegenwart sind in dieser spektakulären Sonderausstellung versammelt. Das Rheinische Landesmuseum Trier ergänzt mit Werken zur Antike. Vorträge, Sonderführungen, Filmabende, Theateraufführungen, Veranstaltungen für Kinder und Exkursionen findet während der Laufzeit statt und vertiefen einzelne Aspekte.

Armut, als Motiv in der Kunst und als gesellschaftliches Phänomen, steht im Mittelpunkt der außergewöhnlichen Sonderschau. Hochkarätige Gemälde, Skulpturen, Grafiken und Fotografien geben einen umfassenden Überblick über unterschiedliche Sichtweisen auf Armut und Arme in Europa. Die Hauptausstellung mit rund 160 Arbeiten ist im Stadtmuseum Simeonstift zu sehen, das Gemälde, Skulpturen, Fotoarbeiten und Installationen aus mehr als 40 europäischen Museen sowie Werke aus eigenem Bestand zeigt.

Das Thema Armut ist heute aktuell und brisant wie nie, seine Probleme sind allerdings schon wesentlich älter. Auseinandersetzungen um knapper werdende materielle und kulturelle Ressourcen, Streitigkeiten um die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe sowie Differenzen über die Grenzen der Solidarität prägen seit der Antike unsere Gesellschaft. Die Ausstellung spiegelt unterschiedliche Formen des Umgangs mit Armut wider: Zum einen existiert bis heute eine religiös geprägte Sicht, in der Bescheidenheit als Ideal und Barmherzigkeit als eine Pflicht gilt. Zugleich werden in der Öffentlichkeit aber immer wieder Vorwürfe laut, die Armut unter ökonomischen Gesichtspunkten als Ergebnis von Arbeitsscheue deuten.

Herrschern konnte Armut als Demonstration ihrer Mildtätigkeit dienen, Bettelorden predigten dagegen ein Ideal der freiwilligen Mittellosigkeit. Seit dem 18. Jahrhundert gilt Armut nicht länger als unabänderlicher Teil der Schöpfung Gottes, sondern als ein von Menschen zu lösendes administratives und wirtschaftliches Problem. Begriffe wie Solidarität und Gerechtigkeit prägen vor allem seit dem 19. Jhdt. die Debatte um das Recht auf ein menschenwürdiges Leben.

In der Ausstellung veranschaulichen wertvolle Leihgaben die verschiedenen Perspektiven. Beispielsweise wird das berühmte Gemälde „Die Sieben Werke der Barmherzigkeit“ von Pieter Brueghel d.J. aus der Zeit zwischen 1616 und 1638 nach Trier reisen. Bei den Sieben Werken der Barmherzigkeit handelt es sich um eine Aufzählung von Handlungen, in denen sich menschliche Fürsorge äußert. Zu ihnen zählt das Speisen von Hungrigen, das Tränken Durstiger, das Beherbergen von Fremden, das Bekleiden Nackter, das Pflegen der Kranken, das Besuchen von Gefangenen sowie das Bestatten der Toten. Auf Brueghels Gemälde ist eine figurenreiche Straßenszene mit zahlreichen Bettlern und Armen in zerrissenen Kleidern zu sehen. Viele drängen zu einer Gruppe Barmherziger links im Bild, die mit weit ausgestreckten Armen Brot an die Bedürftigen verteilt. Dahinter wird aus großen Holzfässern Wein und Wasser ausgeschenkt. Im rechten Vordergrund erhalten Nackte frische, weiße Gewänder, der Blick in ein Haus offenbart einen Mann in seinem Krankenbett, nach dessen Wohlbefinden sich Bekannte gerade erkundigen. Sein Nachbar dagegen empfängt fremde Reisende und bittet sie in sein Haus. Der linke Hintergrund öffnet den Blick in ein Gefängnis, in dem Gefangene Besuche erhalten. Brueghel zeigt damit alle christlichen Werke der Barmherzigkeit, löst sie aber aus dem rein religiösen Bezug. Das Gemälde gilt damit als ein Schlüsselwerk für die Darstellung des frühneuzeitlichen Übergangs der Fürsorgeverpflichtungen von kirchlichen Trägern an die säkularen Stadtgemeinden.

Auch von Pablo Picasso wird eine Arbeit im Stadtmuseum gezeigt, das Museum der Brotkultur in Ulm lieh „Das karge Mahl“ des wohl berühmtesten Künstlers des 20. Jahrhunderts. Die Grafik zeigt ein ausgemergeltes Artistenpaar, das eng aneinandergeschmiegt vor einem leeren Teller an einem Tisch sitzt. Die beiden stehen stellvertretend für eine Gruppe von Künstlern, deren Not in Kunst und Literatur gerne als freiwillige Armut im Sinne eines Künstlermythos romantisiert wurde. Vor allem im 19. Jahrhundert galten Armut und das einfache Leben als Movens der Schaffenskraft, als Inspiration für künstlerische Größe. Der Verzicht auf Geld und Komfort wurde als Ausdruck des wahrhaften Künstlerdaseins gedeutet, die Tatsache, dass diese Armut in der Regel ungewollt und belastend war, wurde komplett ausgeblendet. Picasso dagegen fasst das Thema realistisch auf, er zeigt die Not und das Elend, unter denen zahlreiche Künstler litten.

Begleitend zur Ausstellung ist ein umfassender und reich bebilderter Katalog im Primus-Verlag erschienen. Die Museumsausgabe kostet 29,90 €. Für Lehrer und Schüler ist ein eigenes didaktisches Begleitheft entwickelt worden, das Quellen, Abbildungen und Aufgaben für den Unterricht bereitstellt.

www.armut-ausstellung.de

 
Bildergalerie
  • Logo SFB600. Fremdheit und Armut
  • Pablo Picasso: Das karge Mahl, 1904/13
  • Pieter Brueghel d.J.: Die sieben Werke der Barmherzigkeit, zw. 1616 und 1638